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Angst und Schrecken ohne Ende

Was chronische Angst mit Immunsystem, Schmerz und Körperwahrnehmung macht

Angst ist für die allermeisten von uns sicher erstmal negativ belegt. Dabei gehört sie zu den sinnvollsten Programmen, die unser Organismus entwickelt hat.

Sie macht uns wachsam, beschleunigt unsere Reaktionen und mobilisiert innerhalb kürzester Zeit enorme Kräfte. Ohne Angst wären Menschen vermutlich nicht sehr weit gekommen. Sie schützt uns davor, offensichtliche Gefahren zu übersehen, unvorsichtig zu handeln oder Risiken zu unterschätzen.

Angst ist also nicht grundsätzlich der Feind.

Sie ist ein Alarmsystem.

Schwierig wird es erst dann, wenn dieses System nicht mehr zuverlässig zwischen einer wirklichen Gefahr und einer bloß möglichen Gefahr unterscheiden kann. Wenn der Alarm ertönt, obwohl das Feuer längst gelöscht ist – oder vielleicht nie existiert hat.

Dann wird aus einem kurzen Moment der Angst ein Zustand von Angst und Schrecken ohne Ende.

Wenn aus Wachsamkeit Dauerbereitschaft wird

Unser Körper ist für kurzfristige Belastungen erstaunlich gut gebaut.

In einer Gefahrensituation steigen Herzfrequenz und Blutdruck an, die Muskulatur spannt sich an, die Atmung wird schneller und die Aufmerksamkeit richtet sich vollständig auf das, was gerade wichtig ist. Gleichzeitig werden Verdauung, Regeneration und andere Prozesse vorübergehend zurückgestellt.

Für einige Minuten oder Stunden ist das eine brillante Überlebensstrategie.

Problematisch wird es erst, wenn dieser Zustand zum Dauerprogramm wird.

Denn unserem Nervensystem ist es zunächst erstaunlich egal, ob ein Säbelzahntiger vor uns steht oder ob wir seit Tagen darüber nachdenken, was morgen alles passieren könnte. Auch Gedanken können dieselben Alarmsysteme aktivieren wie reale Gefahren.

Die Folge ist ein Körper, der ständig auf Bereitschaft bleibt.

Was dabei im Körper passiert

Chronische Angst aktiviert dauerhaft zwei große Stresssysteme unseres Körpers: das sympathische Nervensystem und die sogenannte HPA-Achse. Über diese werden unter anderem Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol ausgeschüttet.

Diese Hormone sind keineswegs schlecht.

Ganz im Gegenteil.

Ohne sie könnten wir morgens kaum aufstehen, uns konzentrieren oder auf Herausforderungen reagieren.

Aber sie sind für Belastung gedacht – nicht für einen Dauerzustand.

Bleiben sie über Wochen oder Monate erhöht, beginnt sich der Organismus zu verändern.

Angst betrifft nicht nur die Psyche

Viele Menschen denken bei Angst zuerst an Gefühle oder Gedanken.

Dabei reicht ihre Wirkung deutlich weiter.

Heute weiß man, dass chronische Angst nahezu jedes Organsystem beeinflussen kann – das Herz-Kreislauf-System, den Stoffwechsel, den Darm, das Hormonsystem und eben auch das Immunsystem.

Angst ist deshalb keine reine Kopfsache.

Sie ist ein Ganzkörperereignis.

Das Immunsystem gerät aus dem Gleichgewicht

Besonders spannend ist die Wirkung auf unser Immunsystem.

Früher ging man davon aus, dass Stress die Immunabwehr einfach nur schwächt. Inzwischen weiß man, dass die Realität deutlich komplizierter ist.

Chronische Angst kann gleichzeitig Teile der Immunabwehr bremsen und andere überaktivieren.

Manche Abwehrzellen arbeiten weniger effektiv, während bestimmte entzündungsfördernde Botenstoffe sogar ansteigen.

Das erklärt, warum manche Menschen unter chronischem Stress häufiger Infekte entwickeln, während andere eher mit entzündlichen Erkrankungen oder Autoimmunprozessen kämpfen.

Der Körper ist dabei nicht einfach „zu schwach“.

Er arbeitet nicht mehr ausgewogen.

Entzündung beginnt manchmal im Nervensystem

Besonders interessant ist, dass chronische Angst häufig mit einer leichten, aber dauerhaften Entzündungsaktivität verbunden ist.

In Studien fanden sich erhöhte Konzentrationen verschiedener entzündungsfördernder Botenstoffe wie Interleukin-6 oder TNF-alpha.

Diese Entzündung verläuft meist unbemerkt.

Man bekommt davon weder Fieber noch fühlt man sich akut krank.

Und dennoch scheint sie langfristig Einfluss auf viele Erkrankungen zu haben.

In den letzten Jahren wird deshalb immer deutlicher, dass Psyche, Nervensystem und Immunsystem keine voneinander getrennten Welten sind.

Sie kommunizieren ständig miteinander.

Warum Angst Schmerzen verstärken kann

Für Menschen mit chronischen Schmerzen ist dieses Wissen besonders wichtig.

Schmerz und Angst werden im Gehirn nämlich teilweise über dieselben Netzwerke verarbeitet.

Zu den wichtigsten Schaltstellen gehören unter anderem die Amygdala – unser emotionales Warnzentrum – und der anteriore cinguläre Kortex, der unter anderem bewertet, wie bedrohlich eine Situation empfunden wird.

Je stärker diese Systeme auf Alarm eingestellt sind, desto empfindlicher reagiert häufig auch das Schmerzsystem.

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit Angststörungen im Durchschnitt eine niedrigere Schmerzschwelle besitzen.

Das bedeutet nicht, dass sie sich Schmerzen einbilden.

Es bedeutet vielmehr, dass das Nervensystem Reize früher als schmerzhaft bewertet.

Das Nervensystem wird empfindlicher

Man kann sich das ein wenig wie einen Rauchmelder vorstellen.

Ein gut eingestellter Rauchmelder schlägt Alarm, wenn tatsächlich Rauch entsteht.

Ein überempfindlicher Rauchmelder piept jedoch schon beim kleinsten Wasserdampf aus der Dusche oder beim Anbraten eines Toasts.

Der Rauchmelder ist nicht kaputt.

Er reagiert einfach zu früh.

Ganz ähnlich kann sich auch unser Nervensystem verändern.

Nach längeren Phasen von Angst, Stress oder Schmerzen genügt manchmal schon ein deutlich kleinerer Reiz, um Alarm auszulösen.

Berührungen werden unangenehm.

Geräusche wirken lauter.

Licht blendet stärker.

Die Muskulatur spannt sich schneller an.

Und Schmerzen werden intensiver wahrgenommen.

Das alles geschieht nicht, weil man sich hineinsteigert.

Es geschieht, weil das Nervensystem gelernt hat, besonders wachsam zu sein.

Ein Teufelskreis entsteht

Das Fatale daran:

Schmerzen erzeugen Angst.

Angst verstärkt Schmerzen.

Die stärkeren Schmerzen bestätigen wiederum die Angst.

So entsteht ein Kreislauf, der sich mit der Zeit selbst aufrechterhalten kann.

Viele Menschen kennen das aus eigener Erfahrung.

Ein Ziehen im Rücken löst sofort die Sorge aus, dass „es wieder losgeht“.

Die Sorge erhöht die Muskelspannung.

Die Muskelspannung verstärkt den Schmerz.

Und der Schmerz scheint anschließend zu bestätigen, dass die Sorge berechtigt war.

Dabei war sie möglicherweise selbst Teil des Problems.

Angst vor der Angst

Mit der Zeit richtet sich die Aufmerksamkeit häufig immer stärker auf den eigenen Körper.

Jedes Herzstolpern wird bemerkt.

Jeder Schwindel registriert.

Jedes Kribbeln analysiert.

Das ist zunächst verständlich.

Wer unangenehme Erfahrungen gemacht hat, möchte vorbereitet sein.

Doch genau dadurch entsteht häufig eine neue Form der Angst:

Die Angst vor den eigenen Körperreaktionen.

Nicht mehr die Situation macht Angst.

Sondern das Herzrasen.

Der Schwindel.

Die Luftnot.

Der Schmerz.

Der Körper wird ständig überprüft, als müsse er jeden Moment beweisen, dass doch etwas Schlimmes passiert.

Und genau diese ständige Überwachung hält das Alarmsystem aktiv.

Warum Vermeidung die Angst oft größer macht

Wenn Angst unangenehm wird, versucht unser Gehirn verständlicherweise, sie zu vermeiden.

Man fährt nicht mehr mit dem Aufzug.

Man geht nicht mehr allein einkaufen.

Man vermeidet Bewegung aus Angst vor Schmerzen.

Oder man kontrolliert ständig Puls, Blutdruck oder andere Körperfunktionen.

Kurzfristig fühlt sich das oft gut an.

Die Angst sinkt.

Das Gehirn lernt daraus jedoch nicht: „Ich war sicher.“

Es lernt:

„Gut, dass ich das vermieden habe. Sonst wäre vielleicht wirklich etwas passiert.“

Damit wird die Angst ungewollt bestätigt.

Deshalb gehört die behutsame Annäherung an gefürchtete Situationen zu den wirksamsten Bestandteilen einer modernen Angsttherapie. Es geht dabei nicht darum, jemanden ins kalte Wasser zu werfen. Vielmehr bekommt das Nervensystem die Gelegenheit, neue Erfahrungen zu sammeln.

Nicht die Erfahrung:

„Ich darf keine Angst haben.“

Sondern:

„Ich kann Angst spüren und trotzdem sicher sein.“

Kann sich das Nervensystem wieder beruhigen?

Die gute Nachricht lautet:

Ja.

Unser Nervensystem ist lernfähig – in beide Richtungen.

Es kann lernen, immer empfindlicher auf Gefahren zu reagieren.

Es kann aber auch lernen, Sicherheit wieder besser wahrzunehmen.

Genau darum geht es letztlich bei jeder erfolgreichen Behandlung chronischer Angst.

Nicht darum, Angst vollständig auszuschalten.

Das wäre weder möglich noch sinnvoll.

Sondern darum, den inneren Rauchmelder wieder richtig einzustellen.

Was dabei helfen kann

Die wissenschaftlich am besten untersuchte Behandlung von Angststörungen ist die kognitive Verhaltenstherapie. Besonders hilfreich sind Verfahren, bei denen nicht nur über die Angst gesprochen wird, sondern das Gehirn durch neue Erfahrungen lernt, Situationen oder Körperempfindungen neu zu bewerten.

Auch Medikamente können sinnvoll sein. Vor allem sogenannte SSRI und SNRI gehören heute zu den Standardtherapien bei vielen Angststörungen. Sie sind kein Zeichen von Schwäche, sondern können dem Nervensystem helfen, wieder aus seinem dauerhaften Alarmzustand herauszufinden. Ob sie sinnvoll sind, muss jedoch immer individuell entschieden werden.

Daneben gibt es eine ganze Reihe unterstützender Maßnahmen.

Regelmäßige Bewegung wirkt auf erstaunlich vielen Ebenen positiv. Sie verbessert die Stressregulation, senkt Entzündungsprozesse und stärkt das Vertrauen in den eigenen Körper.

Achtsamkeitsübungen helfen vielen Menschen, Gedanken und Körperempfindungen wahrzunehmen, ohne sofort in den Alarmmodus zu wechseln.

Auch langsames Atmen, progressive Muskelentspannung oder Meditation können das Nervensystem dabei unterstützen, wieder häufiger zwischen Anspannung und Entspannung zu wechseln.

Ich persönlich sehe außerdem in der Hypnose und Selbsthypnose großes Potenzial. Gerade Menschen mit chronischer Angst verbringen oft sehr viel Zeit in belastenden inneren Bildern und Katastrophengedanken. Hypnotische Verfahren können dabei helfen, diese inneren Muster zu verändern und dem Gehirn immer wieder Erfahrungen von Sicherheit anzubieten.

Sicherheit kann man nicht herbeidenken

Viele Betroffene versuchen, sich ihre Angst auszureden.

„Es gibt doch gar keinen Grund.“

„Ich muss mich einfach zusammenreißen.“

Leider funktioniert unser Nervensystem so nicht.

Sicherheit entsteht nicht allein durch logische Argumente.

Sie entsteht vor allem durch Erfahrung.

Durch viele kleine Momente, in denen der Körper erleben darf:

„Es ist gerade nichts Schlimmes passiert.“

„Ich habe die Situation geschafft.“

„Mein Herz durfte schneller schlagen – und hat sich wieder beruhigt.“

„Ich hatte Angst – und trotzdem ist nichts Gefährliches passiert.“

Genau solche Erfahrungen verändern mit der Zeit die innere Bewertung.

Nicht über Nacht.

Aber Schritt für Schritt.

Angst ist keine Schwäche

Menschen mit chronischer Angst hören leider immer noch viel zu oft Sätze wie:

„Du musst einfach positiver denken.“

Oder:

„Entspann dich doch mal.“

So einfach ist es leider nicht.

Ein Nervensystem, das dauerhaft Alarm schlägt, macht das nicht aus Bosheit.

Es versucht zu schützen.

Vielleicht hat es in der Vergangenheit gelernt, dass Wachsamkeit wichtig ist.

Vielleicht hat es Schmerzen erlebt.

Vielleicht schwere Erkrankungen.

Vielleicht belastende Lebensereignisse.

Das Alarmsystem hatte oft gute Gründe, so empfindlich zu werden.

Heute reagiert es möglicherweise nur noch häufiger, als eigentlich nötig wäre.

Und genau das lässt sich wieder verändern.

Nicht mit Gewalt.

Nicht durch ständiges Kämpfen gegen die Angst.

Sondern indem das Nervensystem immer wieder erlebt, dass Sicherheit möglich ist.

Mein Fazit

Angst gehört zum Leben.

Sie schützt uns.

Sie warnt uns.

Und manchmal rettet sie uns sogar das Leben.

Chronische Angst ist jedoch etwas anderes.

Sie hält den Körper dauerhaft in Alarmbereitschaft und beeinflusst nicht nur unsere Gedanken, sondern auch unser Immunsystem, unsere Schmerzverarbeitung, unseren Schlaf, unsere Verdauung und viele andere körperliche Prozesse.

Die gute Nachricht ist:

Unser Nervensystem ist kein starres System.

Es kann lernen.

So wie es gelernt hat, ständig Alarm zu schlagen, kann es auch lernen, wieder zwischen Gefahr und Sicherheit zu unterscheiden.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft:

Das Ziel ist nicht, nie wieder Angst zu haben.

Das Ziel ist, dass die Angst wieder das wird, was sie ursprünglich einmal war.

Ein kluger Begleiter.

Und nicht der Regisseur unseres Lebens.

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