Darum kann die Diagnose Fibromyalgie gefährlich werden
Eine Diagnose kann eine Erleichterung sein.
Viele Menschen mit Fibromyalgie haben zu diesem Zeitpunkt bereits eine lange Reise hinter sich: Arztbesuche, bildgebende Untersuchungen, Blutabnahmen, Infiltrationen, manchmal sogar Operationen. Immer auf der Suche nach einer Erklärung für Schmerzen und andere Beschwerden, die sich nicht so recht einem einzelnen Befund zuordnen lassen.
Wenn irgendwann die Diagnose Fibromyalgie gestellt wird, kann das deshalb zunächst etwas sehr Gutes sein.
Und trotzdem birgt genau diese Diagnose auch eine Gefahr.
Wenn endlich nicht mehr überall gesucht werden muss
Fibromyalgie ist ein reales und inzwischen gut beschriebenes Krankheitsbild. Die Diagnose kann helfen, Beschwerden richtig einzuordnen und eine Spirale immer neuer Untersuchungen zu beenden.
Ein schmerzendes Knie braucht nicht zwangsläufig ein MRT, Rückenschmerzen müssen nicht immer weiter infiltriert werden und eine Auffälligkeit auf einem Röntgenbild erklärt längst nicht automatisch die Stärke der Beschwerden.
Gerade bei chronischen Schmerzen kann eine gut gestellte Fibromyalgie-Diagnose deshalb vor unnötiger Diagnostik, invasiven Maßnahmen und Operationen schützen. Sie hilft im besten Fall dabei, den Blick von der endlosen Suche nach „dem kaputten Teil“ auf ein umfassenderes Verständnis chronischer Schmerzen zu lenken.
Das ist ihre große Stärke.
Fibromyalgie erklärt trotzdem nicht alles
Schwierig wird es, wenn aus
„Diese Beschwerden passen zu einer Fibromyalgie“
irgendwann
„Sie haben Fibromyalgie, deshalb kommen Ihre Beschwerden davon“
wird.
Denn natürlich kann ein Mensch mit Fibromyalgie zusätzlich einen Eisenmangel entwickeln. Er kann unter einem Reizdarm, einer Histaminproblematik, einer Schilddrüsenerkrankung, Schlafstörungen oder hormonellen Veränderungen leiden. Und selbstverständlich können auch unabhängig von der Fibromyalgie neue Erkrankungen auftreten.
Eigentlich klingt das banal. Im medizinischen Alltag gerät es trotzdem erstaunlich leicht aus dem Blick.
Für dieses Phänomen gibt es sogar einen Begriff: Diagnostic Overshadowing. Eine bereits bekannte Diagnose überlagert die Wahrnehmung neuer Beschwerden. Irgendwann wird die ausgeprägte Müdigkeit ebenso der Fibromyalgie zugeschrieben wie der schlechte Schlaf, die Verdauungsprobleme oder eine deutliche Zunahme der Schmerzen.
Und genau da kann die Diagnose zur Falle werden.
Denn manches, was dabei übersehen wird, wäre durchaus behandelbar.
Man muss deshalb nicht wieder alles untersuchen
Die Lösung kann natürlich nicht darin bestehen, Menschen mit Fibromyalgie ständig von Kopf bis Fuß neu durchzudiagnostizieren. Dann landet man nur wieder in der nächsten endlosen Schleife.
Es geht vielmehr darum, aufmerksam zu bleiben.
Hat sich etwas deutlich verändert? Passt ein neues Symptom überhaupt zum bisherigen Bild? Gibt es Hinweise darauf, dass zusätzlich etwas anderes vorliegen könnte?
Mich interessieren dabei besonders die Dinge, an denen man tatsächlich etwas verändern kann. Ein Eisenmangel ist nicht „die Ursache“ einer Fibromyalgie – aber wenn er vorhanden ist, kann man ihn behandeln. Anhaltende Darmbeschwerden darf man genauer anschauen. Schlechter Schlaf kann Schmerzen und Erschöpfung erheblich verstärken und verdient deshalb Aufmerksamkeit.
Chronische Erkrankungen bestehen selten aus einem einzigen Mechanismus. Schmerz, Schlaf, Darm, Nervensystem, Hormone, Ernährung, Mikronährstoffversorgung, Bewegung und psychische Belastungen können ineinandergreifen. Das bedeutet nicht, dass man nur genügend einzelne Baustellen reparieren muss und die Fibromyalgie anschließend verschwindet.
So einfach ist es nicht.
Aber es bedeutet eben auch nicht, dass man nichts mehr finden und verbessern kann.
Wenn ich in der Praxis neue Patientinnen mit Fibromyalgie sehe, frage ich grundsätzlich immer auch diese Dinge ab.
Eine Diagnose sollte ein Wegweiser sein, kein Deckel
Vielleicht ist das der wichtigste Punkt:
Die Diagnose Fibromyalgie sollte dabei helfen, Beschwerden einzuordnen und Menschen vor unnötiger Medizin zu schützen. Sie darf aber nicht zum Deckel werden, der anschließend über jedes neue Symptom gelegt wird.
Fibromyalgie ist eine Diagnose. Sie ist keine Erklärung für alles, was einem Menschen von diesem Zeitpunkt an passiert.
Gute Medizin liegt auch hier irgendwo zwischen zwei Extremen:
nicht endlos weitersuchen – aber auch nicht aufhören hinzuschaueni







