Endometriose und Mastzellen: Eine Verbindung, die zunehmend Aufmerksamkeit bekommt
Wenn von Endometriose die Rede ist, denken die meisten zunächst an Hormone – vor allem an Östrogen.
Das ist nicht falsch. Endometriose ist eng mit dem weiblichen Hormonhaushalt verbunden.
Doch inzwischen wird immer deutlicher: Hormone sind nur ein Teil der Geschichte.
Auch das Immunsystem, Entzündungsprozesse und das Nervensystem scheinen eine wichtige Rolle zu spielen. Dabei rückt eine Zellart zunehmend in den Fokus der Forschung: die Mastzelle.
Viele Menschen kennen Mastzellen vor allem aus dem Zusammenhang mit Allergien oder Histamin. Tatsächlich können diese Zellen aber viel mehr. Sie gehören zum Immunsystem und reagieren auf alles, was der Körper als potenzielle Gefahr wahrnimmt. Dabei setzen sie verschiedene Botenstoffe frei, die Entzündungen, Heilungsprozesse und die Kommunikation mit Nerven beeinflussen können.
Genau deshalb interessieren sie die Endometrioseforschung.
Mehr als nur zufällige Beobachter
In Endometrioseherden finden sich deutlich mehr Mastzellen als im normalen Gewebe der Gebärmutter.
Das allein beweist noch nicht, dass sie die Erkrankung verursachen. Es spricht jedoch dafür, dass sie aktiv an den Vorgängen beteiligt sind.
Man könnte sagen: Mastzellen stehen nicht nur am Rand und schauen zu – sie mischen offenbar mit.
Wenn Hormone und Immunsystem zusammenarbeiten
Besonders spannend ist die Verbindung zwischen Östrogen und Mastzellen.
Östrogen scheint Mastzellen aktivieren zu können. Aktivierte Mastzellen wiederum setzen verschiedene Botenstoffe frei, die Entzündungen fördern und andere Zellen beeinflussen können.
Dadurch entsteht möglicherweise ein Kreislauf:
Mehr Östrogen führt zu mehr Aktivität der Mastzellen.
Mehr Aktivität der Mastzellen führt zu mehr Entzündung.
Mehr Entzündung kann wiederum das Wachstum und die Aktivität von Endometrioseherden fördern.
Noch sind viele Details nicht vollständig geklärt, aber die Forschung deutet zunehmend auf dieses Zusammenspiel hin.
Warum Endometrioseherde wachsen können
Damit sich Endometrioseherde entwickeln und erhalten können, benötigen sie eine gute Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen.
Dafür müssen neue Blutgefäße entstehen.
Auch hier scheinen Mastzellen beteiligt zu sein. Sie können Stoffe freisetzen, die die Bildung neuer Blutgefäße fördern.
Vereinfacht gesagt helfen sie möglicherweise dabei, dass Endometrioseherde die Versorgung bekommen, die sie zum Überleben benötigen.
Wenn Gewebe sich verändert
Endometriose ist nicht einfach nur „versprengte Gebärmutterschleimhaut“.
Die Zellen verändern sich im Laufe der Zeit und passen sich ihrer Umgebung an. Dadurch können sie sich leichter ausbreiten und dauerhaft im Gewebe ansiedeln.
Auch an diesen Umbauprozessen scheinen Mastzellen beteiligt zu sein.
Sie beeinflussen die Umgebung der Zellen und können dadurch Veränderungen begünstigen, die das Wachstum der Herde unterstützen.
Die Verbindung zum Schmerz
Viele Betroffene erleben, dass die Schmerzen bei Endometriose weit über das hinausgehen, was man von den sichtbaren Befunden erwarten würde.
Genau hier werden Mastzellen besonders interessant.
Mastzellen sitzen häufig in unmittelbarer Nähe von Nervenfasern. Sie können Stoffe freisetzen, die diese Nerven empfindlicher machen.
Dadurch reagieren die Nerven schneller und stärker auf Reize.
Man kann sich das vorstellen wie einen Rauchmelder, dessen Empfindlichkeit immer weiter hochgedreht wird. Irgendwann genügt schon ein kleiner Reiz, damit er Alarm schlägt.
Zusätzlich können sich Nervensystem und Immunsystem gegenseitig beeinflussen. Nerven aktivieren Mastzellen – und Mastzellen beeinflussen wiederum die Nerven.
Es entsteht eine Art Verstärkungsschleife, die dazu beitragen kann, dass Schmerzen anhalten oder zunehmen.
Könnte das auch etwas mit Histamin zu tun haben?
Diese Frage stellen sich viele Betroffene.
Tatsächlich setzen Mastzellen unter anderem Histamin frei. Histamin kann zahlreiche Beschwerden beeinflussen – von Hautreaktionen über Magen-Darm-Beschwerden bis hin zu Kopfschmerzen oder Kreislaufproblemen.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass jede Frau mit Endometriose auch ein Histaminproblem hat.
Die Zusammenhänge werden derzeit intensiv erforscht. Es gibt Hinweise darauf, dass Mastzellen und ihre Botenstoffe bei einem Teil der Betroffenen eine Rolle spielen könnten. Wie groß diese Rolle tatsächlich ist und welche therapeutischen Konsequenzen sich daraus ergeben, ist jedoch noch nicht abschließend geklärt.
Was bedeutet das für die Behandlung?
Die Forschung zu Mastzellen und Endometriose steckt noch in den Anfängen.
Trotzdem zeichnet sich bereits ein interessantes Bild ab:
Endometriose scheint nicht nur eine hormonelle Erkrankung zu sein.
Sie betrifft auch das Immunsystem, Entzündungsprozesse und die Kommunikation zwischen Nerven und Gewebe.
Mastzellen könnten dabei eine Art Schnittstelle darstellen, an der viele dieser Prozesse zusammenlaufen.
Ob daraus künftig neue Behandlungsmöglichkeiten entstehen, wird die Forschung der nächsten Jahre zeigen.
Fazit
Endometriose ist komplex.
Hormone spielen eine wichtige Rolle – aber wahrscheinlich nicht die einzige.
Mastzellen könnten erklären, warum Entzündungen bestehen bleiben, warum Schmerzen so hartnäckig sein können und warum manche Betroffene deutlich stärkere Beschwerden entwickeln als andere.
Noch sind nicht alle Fragen beantwortet.
Doch je mehr wir über die Rolle des Immunsystems lernen, desto klarer wird: Endometriose ist weit mehr als eine reine Hormonerkrankung.
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