Fibromyalgie kommt selten allein – die 5 häufigsten Begleiterkrankungen
Viele Menschen mit Fibromyalgie kennen dieses Gefühl:
Kaum hat man gelernt, mit den Schmerzen umzugehen, taucht schon das nächste Problem auf.
Der Darm spielt verrückt. Die Migräne meldet sich. Die Erschöpfung wird immer größer. Und irgendwann kommt die Frage auf:
Warum habe ich eigentlich so viele verschiedene Beschwerden gleichzeitig?
Die gute Nachricht vorweg: Das ist kein Zufall.
Denn Fibromyalgie ist keine isolierte Schmerzerkrankung. Sie ist vielmehr Teil eines komplexen Netzwerks aus Veränderungen im Nervensystem, der Stressregulation, der Schmerzverarbeitung und häufig auch des Immunsystems.
Studien zeigen sogar: Mehr als 80 % der Betroffenen haben mindestens drei weitere körperliche Begleiterkrankungen.
Du bist also keineswegs „die Ausnahme“.
1. Depression – wenn die Batterie des Systems leer wird
Die häufigste Begleiterkrankung der Fibromyalgie ist die Depression.
Mehr als die Hälfte aller Betroffenen erlebt im Laufe ihres Lebens eine depressive Episode.
Dabei geht es nicht nur um Traurigkeit.
Viele Patienten berichten vielmehr über:
- Antriebslosigkeit
- Interessenverlust
- emotionale Erschöpfung
- Überforderung
- Hoffnungslosigkeit
Das bedeutet aber nicht, dass Fibromyalgie „nur psychisch“ ist.
Ganz im Gegenteil.
Chronische Schmerzen, Schlafstörungen, Stress und Veränderungen der Schmerzverarbeitung beeinflussen dieselben Netzwerke im Gehirn, die auch unsere Stimmung regulieren.
Körper und Psyche arbeiten hier eng zusammen.
2. Reizdarmsyndrom – wenn der Darm mitredet
Viele Betroffene leiden zusätzlich unter:
- Blähungen
- Bauchschmerzen
- Durchfall
- Verstopfung
- wechselnden Beschwerden
Je nach Studie betrifft das bis zu drei Viertel aller Fibromyalgie-Patienten.
Kein Wunder, denn Darm und Nervensystem stehen in ständigem Austausch.
Man spricht heute von der Darm-Hirn-Achse.
Ein empfindliches Nervensystem macht oft nicht an den Muskeln halt – auch der Darm kann überempfindlich reagieren.
3. Migräne und Kopfschmerzen – ein überreiztes System
Auch Kopfschmerzen gehören zu den häufigsten Begleitern.
Viele Patienten entwickeln:
- Migräne
- Spannungskopfschmerzen
- Druckgefühl im Kopf
- Licht- und Geräuschempfindlichkeit
Das ist nicht überraschend.
Denn bei Fibromyalgie geht man von einer zentralen Sensibilisierung aus: Das Nervensystem befindet sich dauerhaft in erhöhter Alarmbereitschaft.
Reize werden schneller wahrgenommen und stärker verarbeitet.
4. Angststörungen – wenn der innere Alarm nicht mehr ausgeht
Angststörungen treten deutlich häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung.
Das können sein:
- generalisierte Angststörungen
- Panikattacken
- innere Unruhe
- starke Anspannung
- posttraumatische Belastungsreaktionen
Viele Betroffene beschreiben es so:
„Mein Körper ist ständig auf Empfang und kommt nie richtig zur Ruhe.“
Das bedeutet nicht, dass jemand „zu empfindlich“ ist.
Es zeigt vielmehr, wie eng Schmerz-, Stress- und Alarmsysteme miteinander verbunden sind.
5. Chronische Erschöpfung (CFS/ME) – wenn die Energiereserven nicht mehr reichen
Viele Symptome von Fibromyalgie und ME/CFS überschneiden sich:
- ausgeprägte Erschöpfung
- reduzierte Belastbarkeit
- Brain Fog
- Konzentrationsstörungen
- verlängerte Erholungszeiten
Beides sind eigenständige Erkrankungen, die jedoch häufig gemeinsam auftreten.
Gerade deshalb lohnt sich eine sorgfältige Abgrenzung.
Denn nicht jede Erschöpfung bei Fibromyalgie ist automatisch „normale Müdigkeit“.
Warum treten diese Erkrankungen so häufig gemeinsam auf?
Die Antwort ist vermutlich komplex.
Heute gehen Wissenschaftler davon aus, dass mehrere Systeme beteiligt sind:
- das Nervensystem
- die Stressregulation
- die Schlafsteuerung
- die Schmerzverarbeitung
- die Darm-Hirn-Achse
- entzündliche Prozesse
- möglicherweise auch das Immunsystem
Deshalb erleben viele Betroffene ihre Beschwerden nicht als einzelne Erkrankungen, sondern eher als verschiedene Gesichter desselben überlasteten Systems.
Was ich meinen Patienten häufig sage
Hör auf, jede neue Diagnose als zusätzliche Baustelle zu betrachten.
Oft gehören diese Beschwerden zusammen.
Sie erzählen verschiedene Kapitel derselben Geschichte.
Das bedeutet nicht, dass alles dieselbe Ursache hat. Aber es bedeutet, dass es sich lohnt, den Menschen als Ganzes zu betrachten – und nicht nur einzelne Symptome zu behandeln.
Denn manchmal liegt die eigentliche Frage nicht darin:
„Welche neue Erkrankung ist jetzt noch dazugekommen?“
Sondern:
„Warum befindet sich mein gesamtes System schon so lange im Alarmzustand?“
Eine bemerkenswerte Beobachtung: Was hat Eisen damit zu tun?
Beim Lesen dieses Artikels ist dir vielleicht auch eine interessante Gemeinsamkeit aufgefallen?
Nahezu jede der häufigsten Begleiterkrankungen der Fibromyalgie kann auch bei Eisenmangel auftreten oder durch einen Eisenmangel verstärkt werden.
Dazu gehören:
- Depressionen
- Angststörungen
- Reizdarmsymptome
- Kopfschmerzen und Migräne
- Fatigue bzw. ausgeprägte Erschöpfung
Und auch weitere häufige Begleiterkrankungen der Fibromyalgie wie:
- das Restless-Legs-Syndrom (RLS)
- Schilddrüsenfunktionsstörungen, insbesondere eine Hypothyreose
weisen enge Verbindungen zum Eisenstoffwechsel auf.
Natürlich bedeutet das nicht, dass Fibromyalgie einfach eine Folge von Eisenmangel ist.
So einfach ist es leider nicht.
Dennoch lohnt sich dieser Gedanke, denn Eisen ist weit mehr als ein Baustein für die Blutbildung.
Eisen spielt eine zentrale Rolle für:
- die Energiegewinnung in den Mitochondrien
- die Bildung von Neurotransmittern wie Dopamin und Serotonin
- die Funktion des Nervensystems
- die Schilddrüsenfunktion
- die Sauerstoffversorgung der Gewebe
- die Regulation von Schlaf und Erholung
Gerade bei komplexen Erkrankungen wie der Fibromyalgie kann es deshalb sinnvoll sein, den Eisenstatus genauer anzuschauen.
Und zwar nicht nur mit einem Blick auf den Hämoglobinwert.
Denn auch Patienten ohne Blutarmut können bereits unter einem funktionellen Eisenmangel leiden.
In meiner Praxis gehört die sorgfältige Beurteilung des Eisenstoffwechsels deshalb häufig zu den Grundlagen einer umfassenden Diagnostik.
Nicht, weil Eisen die eine Antwort auf alles ist.
Sondern weil man bei einem so zentralen Stoffwechselbaustein nicht riskieren möchte, eine mögliche Verstärkung bestehender Symptome zu übersehen.
Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Botschaften bei Fibromyalgie:
Nicht jede neue Beschwerde ist automatisch eine neue Erkrankung. Manchmal lohnt es sich, nach gemeinsamen biologischen Verbindungen zu suchen.
Wichtiger Hinweis: Fibromyalgie ist eine komplexe Erkrankung mit vielen möglichen Begleiterkrankungen. Nicht jeder Betroffene entwickelt alle genannten Symptome. Die Diagnose und Behandlung sollten immer individuell und ärztlich begleitet erfolgen.

