inneren reise (16)

Durch welche Brille schaust du auf die Welt?

Warum Mindset auch in der Schmerztherapie eine Rolle spielen darf

Mit dem Begriff Mindset bin ich interessanterweise nicht in der Medizin in Berührung gekommen.

Es war ein  Buseiness- Mentoring-Programm, durch das ich mich erstmals ernsthaft mit Themen wie Mindset, Persönlichkeitsentwicklung, Selbstwirksamkeit und verschiedenen Persönlichkeitsmodellen beschäftigt habe. (Das Ergebnis daraus ist übrigens diese Plattform, auf der du dich gerade aufhältst)…

Und irgendwann habe ich angefangen, mit diesen „neuen Brillen“ auch auf meine Arbeit in der Schmerztherapie zu schauen.

Dabei stellte sich mir eine ziemlich einfache Frage:

Warum nutzen wir solche Werkzeuge eigentlich so wenig im Umgang mit chronischen Erkrankungen und Schmerzen?

Du sitzt mit deiner Erkrankung in einem Boot

Eine chronische Erkrankung bringt Herausforderungen mit sich, die man sich nicht ausgesucht hat.

Schmerzen, Erschöpfung, körperliche Einschränkungen, vielleicht ein Körper, der nicht mehr zuverlässig funktioniert. Dazu kommen Arzttermine, Diagnosen, Medikamente, Sorgen um die Zukunft und manchmal auch das Gefühl, vom bisherigen Leben immer weiter entfernt zu sein.

Manches davon lässt sich verändern. Manches nur begrenzt. Und manches vielleicht überhaupt nicht.

Trotzdem sitzt du mit all dem in einem Boot.

Und solange du in diesem Boot sitzt, gibt es einen Bereich, auf den du IMMER Einfluss nehmen kannst: wie du mit der Situation und mit dir selbst darin umgehst.

Das bedeutet nicht, dass Schmerzen „Kopfsache“ sind. Und es bedeutet schon gar nicht, dass man sich nur die richtige Einstellung zulegen müsste, damit eine Erkrankung verschwindet.

Es bedeutet etwas anderes:

Auch wenn ich die äußeren Bedingungen gerade nicht verändern kann, kann ich untersuchen, wo innerhalb dieser Bedingungen mein eigener Handlungsspielraum liegt.

Und dieser Spielraum bleibt grundsätzlich bestehen – auch dann, wenn die körperlichen Voraussetzungen gerade sehr schlecht sind. Er kann winzig sein. Aber er muss nicht gleich null sein.

Zwischen Opferrolle und Selbstwirksamkeit

Wer chronisch krank ist, ist tatsächlich Opfer von Umständen.

Das sollte man nicht kleinreden. Ein Körper kann Grenzen setzen. Eine Erkrankung kann Pläne durchkreuzen, Möglichkeiten nehmen und das eigene Leben massiv verändern.

Problematisch wird es erst, wenn aus diesem Erleben eine dauerhafte Position wird: Ich kann nichts tun. Alles geschieht mit mir.

Denn zwischen vollständiger Kontrolle und völliger Ohnmacht liegt ein erstaunlich großer Raum.

Vielleicht kann ich meine Erkrankung nicht abschaffen. Aber ich kann möglicherweise lernen, meine Grenzen früher wahrzunehmen.

Ich kann beobachten, welche Menschen und Situationen mich regelmäßig Kraft kosten.

Ich kann erkennen, dass ich Bedürfnisse ständig übergehe.

Ich kann meine Erwartungen an mich selbst überprüfen.

Ich kann lernen, Nein zu sagen.

Ich kann herausfinden, welche Art von Alltag meinem Nervensystem guttut.

Ich kann hinterfragen, warum ich bestimmte Dinge immer wieder tue, obwohl sie mir nicht guttun.

Und ich kann mich fragen, ob die Geschichte, die ich mir über mich selbst und meine Erkrankung erzähle, tatsächlich die einzige mögliche Geschichte ist.

Das alles heilt keine chronische Schmerzerkrankung.

Aber es kann verändern, wie viel zusätzliche Belastung rund um diese Erkrankung entsteht.

Durch welche Brille guckst du?

Genau an dieser Stelle wird Persönlichkeitsentwicklung für mich auch im medizinischen Kontext interessant.

Nicht als Ersatz für Diagnostik oder Therapie. Sondern als zusätzliche Ebene.

Denn wir alle schauen durch bestimmte Brillen auf uns selbst und auf die Welt. Manche davon tragen wir schon so lange, dass wir gar nicht mehr bemerken, dass wir sie aufhaben.

Und es gibt sehr unterschiedliche Möglichkeiten, diese Brillen einmal genauer anzuschauen.

Eine Psychotherapie kann helfen, biografische Muster, Ängste oder Beziehungserfahrungen zu verstehen. Das Konzept der Hochsensibilität kann eine hilfreiche Brille sein, wenn jemand Reize besonders intensiv wahrnimmt und vielleicht sein ganzes Leben versucht hat, mit einer Umwelt Schritt zu halten, die für sein Nervensystem häufig zu laut, zu schnell oder zu viel ist.

Andere Menschen finden Zugang über Bindungsmuster, Glaubenssätze, Wertearbeit, Körperwahrnehmung oder andere Persönlichkeitsmodelle.

Auch ein Modell wie Human Design kann für manche Menschen eine interessante Reflexionsfläche sein – wenn man es als Modell und nicht als unumstößliche Wahrheit betrachtet. Nicht jede Brille muss erklären können, warum du bist, wie du bist. Manchmal reicht es, wenn sie eine interessante Frage aufwirft, auf die du vorher nicht gekommen wärst.

Die für mich entscheidendere Frage lautet deshalb:

Hilft dir diese Brille, etwas über dich zu erkennen, das dein Leben mit deiner Erkrankung leichter machen kann?

Das Werkzeug ist nicht das Ziel

Ich halte deshalb die Frage, welches Reflexionsmodell das richtige ist, für weniger wichtig, als man zunächst denken könnte.

Menschen sind unterschiedlich.

Was bei einem Menschen einen entscheidenden Gedanken auslöst, lässt den nächsten vollkommen kalt. Der eine braucht ein psychologisch gut etabliertes Modell. Die andere erreicht man über ein Bild, eine Metapher oder ein Persönlichkeitsmodell viel leichter.

Die Art des Werkzeugs ist für mich zweitrangig, solange man sich bewusst ist, womit man arbeitet und welche Grenzen dieses Werkzeug hat.

Entscheidend ist, was daraus entsteht.

Erkenne ich etwas über mich, das ich vorher nicht gesehen habe?

Verstehe ich besser, warum bestimmte Situationen mich immer wieder überfordern?

Nehme ich meine Bedürfnisse früher wahr?

Entdecke ich einen Handlungsspielraum, wo vorher nur Ohnmacht war?

Und kann ich daraus tatsächlich etwas in meinem Alltag verändern?

Erkenntnis allein verändert noch nichts

Denn Selbstreflexion ist kein Selbstzweck.

Wenn ich erkenne, dass ich Ruhe brauche, sie mir aber weiterhin nie erlaube, bleibt alles beim Alten.

Wenn ich merke, dass ich permanent über meine Grenzen gehe, diese Erkenntnis aber nicht in meinen Alltag übersetze, bleibt sie Theorie.

Wenn ich verstehe, dass ich Entscheidungen hauptsächlich danach treffe, was andere von mir erwarten, kann daraus irgendwann eine andere Frage entstehen:

Was brauche eigentlich ich?

Und dann wird es interessant.

Denn vielleicht lässt sich die Erkrankung gerade nicht verändern. Aber die Art, wie ich meinen Tag gestalte, wie ich mit meinen Kräften umgehe, welche Erwartungen ich an mich stelle oder wem ich Zugang zu meiner Zeit und Energie gebe, möglicherweise schon.

Persönlichkeitsentwicklung als Teil von Schmerztherapie?

Vielleicht müssen wir den Begriff Schmerztherapie dafür ein wenig größer denken.

Natürlich gehören dazu medizinische Diagnostik, Medikamente, Bewegung, Physiotherapie und viele weitere etablierte Verfahren.

Aber ein Mensch mit chronischen Schmerzen lebt nicht nur in einem Körper mit einer Diagnose.

Er lebt in Beziehungen. In Erwartungen. In alten Gewohnheiten. Mit einem bestimmten Temperament, bestimmten Bedürfnissen und einer eigenen Geschichte.

Und all das reist mit.

Deshalb finde ich den Gedanken spannend, sich gelegentlich eine neue Brille aufzusetzen und das eigene Leben damit anzuschauen.

Nicht mit der Frage:

Was mache ich falsch?

Sondern:

Was erkenne ich von hier aus, was ich vorher nicht gesehen habe?

Vielleicht ist die neue Brille nicht die richtige. Dann darf sie wieder weg.

Vielleicht zeigt sie aber ein kleines Detail, das vorher unsichtbar war. Einen Zusammenhang. Ein Bedürfnis. Eine Grenze. Eine Möglichkeit.

Und manchmal reicht genau das, um an einer Stelle wieder ein kleines Stück vom Beifahrersitz auf den Fahrersitz des eigenen Lebens zu rutschen.

Auch wenn die Straße dadurch nicht automatisch einfacher wird.

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