inneren reise (8)

Du bist nicht für alles zuständig

Warum wir so viel Energie an Dinge verlieren, die gar nicht in unserer Hand liegen

Es gibt Menschen, die sehr viel wahrnehmen.

Sie merken, wenn die Stimmung kippt. Wenn jemand enttäuscht ist. Wenn ein Konflikt droht. Wenn etwas nicht rundläuft.

Sie sehen Probleme oft, bevor andere sie überhaupt bemerken.

Das kann eine Stärke sein.

Es hat nur einen Haken:

Etwas wahrzunehmen bedeutet noch lange nicht, dafür zuständig zu sein.

Und genau diese beiden Dinge geraten erstaunlich leicht durcheinander.

Wahrnehmen ist nicht dasselbe wie Verantwortung

Jemand ist enttäuscht, weil du abgesagt hast.

Du merkst es.

Jemand ist schlecht gelaunt.

Du spürst es.

Ein Mensch, den du liebst, trifft Entscheidungen, von denen du glaubst, dass sie ihm nicht guttun.

Du siehst es.

In der Welt passieren Dinge, die dich beunruhigen.

Du liest davon.

Nichts davon lässt dich unberührt.

Aber aus „Ich nehme das wahr“ wird schnell:

„Ich muss etwas damit machen.“

Vielleicht erklären.

Trösten.

Beschwichtigen.

Eine Lösung finden.

Die Stimmung verbessern.

Noch einmal darüber nachdenken.

Oder wenigstens innerlich so lange daran herumarbeiten, bis es sich irgendwie geklärt anfühlt.

Das kostet erstaunlich viel Energie.

Wenn fremdes Wetter im eigenen Garten landet

In meinem Workbook „Der innere Garten“ benutze ich den Garten als Bild für den eigenen Raum.

Und in jedem Garten gibt es Wetter.

Sonne. Regen. Sturm. Trockenheit.

Man kann darauf reagieren. Pflanzen schützen. Sich unterstellen. Vielleicht etwas festbinden, bevor der Sturm kommt.

Nur eines kann man nicht:

das Wetter kontrollieren.

Ähnlich ist es mit vielen Dingen in unserem Leben.

Die Entscheidungen anderer Menschen.

Ihre Gefühle.

Ihre Erwartungen.

Ihre Meinung über uns.

Vergangenes.

Krankheit.

Gesellschaftliche Entwicklungen.

Das Tempo der Welt.

All das wirkt auf unseren Garten ein.

Aber es entsteht nicht automatisch unsere Zuständigkeit daraus.

Die vielleicht wichtigste Frage: Liegt das überhaupt in meiner Hand?

Wir beschäftigen uns erstaunlich oft mit der Frage:

Was soll ich tun?

Vielleicht müsste davor eine andere stehen:

Kann ich hier überhaupt etwas tun?

Denn es gibt einen Unterschied zwischen Dingen, die wir beeinflussen können, und solchen, die außerhalb unseres Kontrollbereichs liegen.

In deiner Hand liegen zum Beispiel:

  • dein Tempo

  • deine Pausen

  • deine Grenzen

  • deine Reaktionen

  • womit du dich nährst

  • wann du aufhörst

Nicht in deiner Hand liegen dagegen:

  • Erwartungen anderer

  • Stimmungen im Außen

  • die Vergangenheit

  • Meinungen anderer

  • globale Entwicklungen

  • das Tempo der Welt

Das klingt banal.

Im Alltag ist diese Trennung erstaunlich schwierig.

Aber ich kann doch nicht einfach wegschauen

Nein.

Darum geht es auch nicht.

Nicht zuständig zu sein bedeutet nicht, gleichgültig zu sein.

Man kann mitfühlen, ohne zu übernehmen.

Man kann zuhören, ohne eine Lösung zu liefern.

Man kann anderer Meinung sein, ohne jemanden überzeugen zu müssen.

Man kann einen Menschen lieben und ihm trotzdem die Verantwortung für sein eigenes Leben lassen.

Und man kann das Leid in der Welt sehen, ohne jedes einzelne Problem ins eigene Nervensystem einzuladen.

Vielleicht liegt genau darin eine Form von Abgrenzung, über die viel weniger gesprochen wird.

Nicht:

„Das interessiert mich nicht.“

Sondern:

„Ich sehe es. Aber es gehört nicht mir.“

Besonders schwierig bei Hochsensibilität

Gerade bei Hochsensibiliät kann diese Unterscheidung besonders wichtig werden.

Denn das Nervensystem fragt nicht automatisch:

Bin ich hierfür eigentlich zuständig?

Es registriert zunächst.

Ein Gesicht verändert sich.

Die Stimme klingt anders.

Eine Nachricht macht Angst.

Jemand ist angespannt.

Etwas stimmt nicht.

Und schon läuft die eigene Reaktion an.

Deshalb mag ich einen Satz aus meinem Workbook besonders:

Dein Nervensystem ist kein Allzuständigkeitsbüro.

Es nimmt wahr. Es sortiert. Es schützt. Es meldet sich.

Aber nicht jede Meldung verlangt eine Handlung.

Das ist ein großer Unterschied.

Manche Menschen stehen trotzdem vor deinem Gartentor

Und dann gibt es natürlich noch die anderen Menschen.

Familie. Freunde. Kollegen. Partner.

Menschen, die etwas brauchen.

Menschen, die etwas erwarten.

Menschen, die durchaus der Meinung sein können, dass etwas deine Aufgabe ist.

Auch dafür gibt es im inneren Garten ein Bild: Besucher und Nachbarn.

Manche sind willkommen.

Manche anstrengend.

Manche geben ungefragt Ratschläge über einen Garten, in dem sie selbst überhaupt nicht leben.

Und manchmal kommt jemand regelmäßig herein, weil wir nie auf die Idee gekommen sind, dass wir das Tor auch schließen könnten.

Im Workbook gibt es dazu eine Frage, die ich ziemlich entlarvend finde:

Wo tolerierst du bei anderen ein Verhalten, das du selbst als Gast niemals zeigen würdest?

Vielleicht muss man darauf nicht sofort reagieren.

Aber man kann es einmal sehen.

Nicht jedes Problem braucht dich

Das gilt auch für Probleme, die man tatsächlich lösen könnte.

Denn etwas tun können und dafür zuständig sein sind ebenfalls zwei verschiedene Dinge.

Vielleicht könntest du die Aufgabe übernehmen.

Vielleicht könntest du noch schnell helfen.

Vielleicht könntest du den Konflikt schlichten.

Vielleicht könntest du die Verantwortung tragen.

Die Frage ist:

Musst du?

Und vielleicht noch wichtiger:

Was bleibt in deinem eigenen Garten liegen, während du dich um den Garten eines anderen kümmerst?

Die Grenze zwischen Einfluss und Kontrolle

Natürlich ist das Leben nicht schwarz-weiß.

Wir können andere Menschen beeinflussen. Wir können Gespräche führen, helfen, unterstützen und Bedingungen verändern.

Aber wir können das Ergebnis nicht vollständig kontrollieren.

Man kann jemandem einen Rat geben.

Ob er ihn annimmt, gehört ihm.

Man kann eine Grenze aussprechen.

Ob jemand sie gut findet, gehört ihm.

Man kann sich entschuldigen.

Ob der andere verzeiht, gehört ihm.

Man kann sein Bestes tun.

Ob es reicht, entscheidet nicht immer man selbst.

Vielleicht entsteht ein Teil unserer Erschöpfung genau dort, wo wir versuchen, jenseits unseres tatsächlichen Einflussbereichs weiterzuarbeiten.

Was gehört heute wirklich in deinen Garten?

Vielleicht braucht es deshalb gar keine große Veränderung.

Nur hin und wieder eine kleine Sortierung.

Ist das meins?

Kann ich es beeinflussen?

Muss ich darauf reagieren?

Oder habe ich nur bemerkt, dass es da ist?

Manchmal lautet die Antwort tatsächlich: Das ist meine Verantwortung.

Dann kann man handeln.

Manchmal lautet sie aber auch:

Das ist das Wetter.

Das ist der Nachbargarten.

Das ist die Meinung eines Besuchers.

Und vielleicht darf es genau dort bleiben.

Denn nicht alles, was an dein Tor klopft, muss hinein.

Und nicht alles, was du wahrnimmst, musst du tragen.

Dein innerer Garten

In meinem Workbook „Der innere Garten – wo Grenzen Raum schaffen“ geht es genau um diese Unterscheidungen: um den eigenen Raum und fremde Gartenpläne, um Zaun und Tor, Besucher und Nachbarn, Wetter, Rückzugsorte – und darum, herauszufinden, was eigentlich zu dir gehört und was nicht.

Nicht mit dem Ziel, härter zu werden.

Oder weniger zu fühlen.

Vielleicht eher im Gegenteil:

Viel wahrnehmen zu können, ohne für alles verantwortlich zu werden.

Denn dein Garten braucht deine Aufmerksamkeit auch.

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