design ohne titel (26)

Und immer liegt es an der Menopause …

Es gibt ein Thema, bei dem ich mich in den letzten Monaten immer häufiger dabei ertappe, innerlich die Augen zu verdrehen.

Nicht, weil ich es unwichtig finde.

Sondern gerade weil ich es für unglaublich wichtig halte.

Die Menopause.

Endlich wird über Hormone gesprochen.

Endlich erfahren Frauen, dass Schlafstörungen, Gelenkschmerzen, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme oder Stimmungsschwankungen eben nicht einfach nur „zum Älterwerden dazugehören“.

Das ist längst überfällig.

Ich selbst beschäftige mich seit vielen Jahren mit Hormonen und ihrem Einfluss auf chronische Schmerzen. Lange bevor die Wechseljahre plötzlich in jedem Podcast, jedem zweiten Buch und nahezu jedem Instagram-Feed auftauchten.

Hormone sind mächtig.

Sehr mächtig.

Aber…

…ich habe das Gefühl, dass das Pendel gerade zu weit ausschlägt.

Plötzlich scheint jeder Experte für die Wechseljahre zu sein.

Und ehrlich gesagt fällt mir dabei auf, dass sich erstaunlich viele Männer berufen fühlen, Frauen zu erklären, wie sich diese Lebensphase anfühlt.

Bitte versteh mich nicht falsch.

Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn Männer zu Hormonen forschen oder wissenschaftliche Vorträge darüber halten. Wissenschaft kennt kein Geschlecht.

Aber manchmal wünsche ich mir etwas mehr Demut gegenüber Erfahrungen, die man selbst nie machen wird.

Ich würde vermutlich auch keine Vorträge darüber halten, wie sich eine Prostataerkrankung oder Erektionsstörungen anfühlen.

Nicht weil ich nichts darüber lernen könnte.

Sondern weil Wissen und Erleben zwei verschiedene Dinge sind.

Was mich aber eigentlich beschäftigt, ist etwas anderes.

Die Menopause ist nur das aktuelle Beispiel.

Vor ein paar Jahren war es das Mikrobiom.

Dann die Mitochondrien.

Dann Vitamin D.

Dann Histamin.

Dann stille Entzündungen.

Dann Trauma.

Jetzt sind es die Hormone.

Und jedes Mal beobachte ich dasselbe Muster.

Zunächst entdeckt die Medizin einen blinden Fleck.

Etwas, das tatsächlich lange unterschätzt wurde.

Das ist gut.

Genau so entwickelt sich Wissenschaft.

Doch dann passiert oft etwas Interessantes.

Aus einem blinden Fleck wird plötzlich die ganze Landkarte.

Auf einmal scheint dieses eine Thema jede Beschwerde erklären zu können.

Müdigkeit?

Hormone.

Gewichtszunahme?

Hormone.

Schmerzen?

Hormone.

Schlaf?

Hormone.

Stimmung?

Hormone.

Natürlich können Hormone hinter all diesen Beschwerden stecken.

Aber eben nicht immer.

Der Mensch ist kein einzelnes Puzzleteil.

Ich denke inzwischen lieber in Spielkarten.

Das Leben verteilt die Karten.

Manche Menschen bekommen günstige Voraussetzungen.

Andere starten mit einem deutlich schwierigeren Blatt.

Die eine bringt robuste Gene mit.

Der andere eine Autoimmunerkrankung.

Manche haben stabile Hormone.

Andere nicht.

Manche schlafen hervorragend.

Andere kämpfen seit Jahren mit chronischem Stress.

Dafür kann zunächst einmal niemand etwas.

Aber kaum jemand gewinnt ein Kartenspiel nur wegen einer einzigen guten Karte.

Und kaum jemand verliert allein wegen einer einzigen schlechten.

Die eigentliche Kunst besteht darin, die Karten zu erkennen, die wir tatsächlich auf der Hand haben.

Und sie möglichst klug auszuspielen.

Hormone sind eine Karte.

Das Mikrobiom ist eine.

Das Nervensystem.

Schlaf.

Bewegung.

Ernährung.

Gedanken.

Stress.

Medikamente.

Entzündungen.

Gene.

Beziehungen.

Keine dieser Karten entscheidet allein über das Spiel.

Aber jede einzelne kann einen Unterschied machen.

Der Fehler beginnt aus meiner Sicht immer dann, wenn wir plötzlich glauben, eine einzige Karte würde die ganze Partie entscheiden.

Und dann sind da noch diese Überschriften…

„Was dein Frauenarzt dir verschweigt.“

„Warum Ärzte keine Ahnung von den Wechseljahren haben.“

„Die Wahrheit über Hormone.“

Ich gebe zu:

Solche Überschriften machen mich traurig.

Nicht, weil Ärzte alles wissen würden.

Das tun wir ganz sicher nicht.

Nicht, weil die Medizin beim Thema Wechseljahre alles richtig gemacht hätte.

Auch das stimmt nicht.

Sondern weil damit unterschwellig suggeriert wird, Ärztinnen und Ärzte würden ihren Patientinnen bewusst Informationen vorenthalten oder absichtlich nicht helfen wollen.

Meine Erfahrung ist eine andere.

Die allermeisten Kolleginnen und Kollegen versuchen jeden Tag nach bestem Wissen zu helfen.

Mit dem Wissen, das zum jeweiligen Zeitpunkt verfügbar ist.

Und genau deshalb verändert sich Medizin ständig.

Neue Studien.

Neue Erkenntnisse.

Neue Leitlinien.

Das ist kein Zeichen von Schwäche.

Es ist genau das Wesen von Wissenschaft.

Vielleicht brauchen wir wieder etwas mehr Mitte.

Ich freue mich über jede neue Erkenntnis.

Ich freue mich darüber, dass Frauen heute besser über Hormone informiert sind.

Ich freue mich darüber, dass wir das Mikrobiom besser verstehen.

Oder das Nervensystem.

Oder die Rolle chronischer Entzündungen.

All das erweitert unser Verständnis vom Menschen.

Aber keines dieser Themen ist der Mensch.

Sie alle sind einzelne Karten auf seiner Hand.

Vielleicht besteht gute Medizin deshalb gar nicht darin, für jedes Symptom möglichst schnell die eine richtige Erklärung zu finden.

Vielleicht besteht sie darin, die Karten eines Menschen immer wieder neu anzuschauen.

Und gemeinsam zu überlegen,

welche davon wir heute am besten ausspielen können.

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner