inneren reise (15)

Erschöpfung ist keine Diagnose

Warum Müdigkeit viele Ursachen haben kann – und was man abklären sollte

Fast jeder kennt Erschöpfung.

Nach einer schlechten Nacht. Nach einer Infektion. Nach Wochen, in denen einfach zu viel los war. Manchmal braucht der Körper tatsächlich nur Schlaf, Ruhe und etwas Zeit.

Aber Erschöpfung kann auch ganz anders aussehen.

Manche Menschen wachen morgens auf und fühlen sich, als hätten sie überhaupt nicht geschlafen. Andere kommen durch den Arbeitstag, brechen aber abends regelrecht zusammen. Wieder andere schaffen kaum noch ihren Alltag oder erleben bereits nach geringer Belastung eine massive Verschlechterung.

Wir benutzen für all das dasselbe Wort: Erschöpfung.

Dabei können dahinter vollkommen unterschiedliche Mechanismen stecken.

Und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Erschöpft ist nicht gleich erschöpft

Zunächst ist wichtig zu unterscheiden: Was bedeutet Erschöpfung eigentlich konkret?

Ist man schläfrig und könnte jederzeit einschlafen? Fehlt körperlich die Kraft? Ist eher der Kopf müde und die Konzentration schlecht? Gibt es Atemnot bei Belastung? Muskelschmerzen? Schwindel? Herzrasen? Oder tritt nach körperlicher oder geistiger Belastung eine unverhältnismäßig starke und eventuell verzögerte Verschlechterung auf?

Auch der zeitliche Verlauf erzählt eine Geschichte.

Eine Erschöpfung seit drei Tagen ist etwas anderes als eine seit drei Jahren. Ein langsamer Leistungsabfall etwas anderes als ein plötzlicher Einbruch nach einem Infekt.

Und auch der Schweregrad ist entscheidend.

Zwischen „Ich könnte heute wirklich früher ins Bett gehen“ und „Duschen ist meine Aktivität für den Vormittag“ liegt eine ganze Welt.

Bevor wir exotisch werden: das Naheliegende abklären

Gerade weil Erschöpfung so unspezifisch ist, sollte eine anhaltende oder ungewöhnlich ausgeprägte Erschöpfung zunächst schulmedizinisch abgeklärt werden.

Denn hinter ihr können Erkrankungen stehen, die erkannt und behandelt werden müssen.

Dazu gehören beispielsweise Anämien und Eisenmangel, Schilddrüsenerkrankungen, Diabetes und andere Stoffwechselstörungen, Herz-, Lungen-, Leber- oder Nierenerkrankungen, Infektionen, Autoimmunerkrankungen und – deutlich seltener, aber wichtig – Tumorerkrankungen. Auch Medikamente können Müdigkeit verursachen.

Welche Untersuchungen sinnvoll sind, hängt von Alter, Vorgeschichte, Begleitsymptomen und körperlichem Befund ab. Eine wahllose Batterie von Laborwerten ist nicht automatisch besser als eine gute Anamnese.

Bestimmte Begleitsymptome gehören jedoch zeitnah ärztlich abgeklärt: etwa ungeklärter Gewichtsverlust, Fieber oder Nachtschweiß, Blutverlust, neu aufgetretene Atemnot, auffällige Lymphknoten oder eine deutliche und fortschreitende Verschlechterung.

„Das ist bestimmt nur Stress“ sollte keine Ausschlussdiagnostik ersetzen.

Der oft übersehene Kandidat: Eisen

Ein schönes Beispiel dafür, warum man bei Erschöpfung genauer hinschauen sollte, ist Eisen.

Häufig wird vor allem auf den Hämoglobinwert geschaut. Ist keine Anämie vorhanden, scheint das Thema erledigt.

Aber Eisen wird nicht nur für Hämoglobin benötigt. Es ist an zahlreichen Enzymreaktionen und an der zellulären Energiegewinnung beteiligt.

Ein Eisenmangel kann deshalb bereits Beschwerden verursachen, bevor eine manifeste Anämie entstanden ist. Studien zeigen, dass eine Eisensubstitution bei Menschen mit nachgewiesenem Eisenmangel ohne Anämie die subjektiv empfundene Fatigue reduzieren kann – auch wenn die Effekte auf objektive körperliche Leistungsparameter weniger eindeutig sind. (PubMed Central (PMC))

Deshalb gehören bei entsprechender Konstellation nicht nur Blutbild und Hämoglobin, sondern auch die Eisenspeicher in die Betrachtung.

Und dann kommt die nächste Frage:

Warum fehlt das Eisen überhaupt?

Blutverlust? Ernährung? Resorptionsstörung? Zöliakie? Chronische Entzündung?

Ein niedriger Wert ist schließlich noch keine Ursachenklärung.

Vielleicht fehlt nicht Energie – sondern Schlaf

Ein weiterer Punkt wird erstaunlich leicht übersehen.

Man kann acht Stunden im Bett liegen und trotzdem keinen erholsamen Schlaf bekommen.

Schlafstörungen können Erschöpfung verursachen oder erheblich verstärken. Dazu gehören Ein- und Durchschlafstörungen, Restless Legs, Schmerzen, Medikamente, Alkohol und insbesondere eine obstruktive Schlafapnoe (OSAS).

Bei einer Schlafapnoe kommt es während der Nacht wiederholt zu Atemwegsverengungen oder Atempausen. Der Schlaf wird fragmentiert, auch wenn man sich am nächsten Morgen an diese Unterbrechungen überhaupt nicht erinnert.

Wer schnarcht, beobachtete Atempausen hat, morgens häufig mit Kopfschmerzen oder trockenem Mund aufwacht oder tagsüber ungewöhnlich schläfrig ist, sollte deshalb auch an die Schlafqualität denken.

Manchmal liegt die Ursache der Erschöpfung eben nicht darin, wie lange jemand schläft, sondern darin, was während dieses Schlafes passiert.

Erschöpfung und Entzündung

Dann gibt es eine Form der Erschöpfung, die viele Menschen von Infekten kennen.

Man ist müde, möchte sich zurückziehen, hat wenig Motivation, manchmal Schmerzen und kann sich schlecht konzentrieren.

Das ist nicht einfach ein lästiger Nebeneffekt. Entzündungsmediatoren beeinflussen Gehirn, Stoffwechsel und Verhalten. Dieses sogenannte Sickness Behaviour ist Teil einer koordinierten Reaktion des Organismus.

Interessanter wird es, wenn entzündliche Signale nicht nach einigen Tagen wieder verschwinden.

Chronische oder niedriggradige Entzündung – oft als Low-grade oder Silent Inflammation bezeichnet – wird mit Fatigue bei verschiedenen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Unter anderem IL-1, IL-6 und TNF-α können Stoffwechsel, Schlaf, Motivation und zentrale Signalverarbeitung beeinflussen. (PubMed Central (PMC))

Dabei ist allerdings Vorsicht mit dem Begriff „Silent Inflammation“ angebracht. Er ist im Wellnessbereich inzwischen zu einer Art Universaldiagnose geworden.

Nicht jede Erschöpfung ist eine unentdeckte Entzündung.

Und ein einzelner Entzündungswert erklärt noch lange keinen komplexen Erschöpfungszustand.

Und was hat der Darm damit zu tun?

Spätestens hier wird es komplizierter – aber auch interessant.

Der Darm ist schließlich nicht nur ein Rohr, durch das unser Frühstück wandert.

Dort leben Milliarden Mikroorganismen, Nahrung wird verarbeitet, Stoffwechselprodukte entstehen, Immunzellen sitzen in großer Zahl in der Darmwand, und über die Pfortader gelangen zahlreiche Substanzen direkt zur Leber.

Darm und Leber bilden funktionell eine Einheit.

Die Leber verarbeitet, verändert und entgiftet Substanzen und gibt manche davon über die Galle wieder in den Darm ab. Dort können Darmbakterien sie erneut verändern, sodass sie teilweise wieder aufgenommen werden.

Das ist Teil des enterohepatischen Kreislaufs.

Dieses System ist vollkommen normal und wichtig. Es betrifft beispielsweise Gallensäuren, Hormone und verschiedene Fremdstoffe.

Aber das Mikrobiom produziert darüber hinaus selbst eine enorme Zahl biologisch aktiver Stoffwechselprodukte.

Einige davon sind ausgesprochen nützlich – beispielsweise kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat. Andere können in größeren Mengen problematisch werden oder sind Ausdruck eines veränderten mikrobiellen Stoffwechsels.

Dazu gehören beispielsweise bestimmte Indole, Phenole, Ammoniak, Schwefelverbindungen oder bakterielle Bestandteile wie Lipopolysaccharide.

Das bedeutet nicht, dass jeder erschöpfte Mensch „Darmgifte“ im Körper hat.

Aber es zeigt, warum Darm, Leber, Immunsystem und Stoffwechsel nicht unabhängig voneinander betrachtet werden können.

Eine gestörte Darmbarriere, Dysbiose oder chronische Darmerkrankung kann zudem Entzündung und Nährstoffaufnahme beeinflussen – und damit wiederum Faktoren berühren, die für Energie und Leistungsfähigkeit relevant sind.

Erschöpfung kann sich selbst verstärken

An diesem Punkt wird deutlich, warum die Suche nach der einen Ursache häufig scheitert.

Nehmen wir einen Menschen, der schlecht schläft.

Schlechter Schlaf verändert Stoffwechsel und Stressregulation. Die Belastbarkeit sinkt. Bewegung wird weniger. Vielleicht verändert sich die Ernährung. Schmerzen werden stärker wahrgenommen. Entzündliche Prozesse können zunehmen.

Oder jemand hat eine chronische Darmerkrankung. Die Nährstoffaufnahme verschlechtert sich. Eisen fällt ab. Gleichzeitig besteht eine entzündliche Aktivität. Der Schlaf wird schlechter und die körperliche Aktivität nimmt ab.

Dann gibt es irgendwann nicht mehr eine Ursache und ein Symptom.

Es entsteht ein Netzwerk.

Und genau deshalb braucht Erschöpfung manchmal mehrere Blickwinkel.

Hormone gehören ebenfalls auf die Landkarte

Auch hormonelle Veränderungen können eine Rolle spielen.

Neben Schilddrüsenerkrankungen gehören dazu beispielsweise Veränderungen rund um Menopause und Perimenopause. Nicht unbedingt deshalb, weil ein einzelner Hormonwert „zu niedrig“ wäre, sondern weil Schlaf, Temperaturregulation, Stimmung, Muskelmasse und Stoffwechsel gleichzeitig beeinflusst werden können.

Auch hier gilt: Hormone sind eine mögliche Spielkarte – nicht automatisch das ganze Spiel.

Und dann gibt es Erschöpfung, die eine andere Dimension erreicht

Ein wichtiger Unterschied darf nicht untergehen.

Schwere postinfektiöse Erkrankungen und ME/CFS sind nicht einfach die stärkere Version von „ich bin dauernd müde“.

Insbesondere die Post-Exertional Malaise (PEM) – eine unverhältnismäßige, oft verzögert auftretende Verschlechterung nach geringer körperlicher oder geistiger Belastung – verändert die Situation grundlegend.

Hier wäre der gut gemeinte Rat „Du musst dich einfach wieder mehr bewegen“ nicht nur zu simpel. Er kann bei Betroffenen problematisch sein.

Deshalb lohnt sich bereits bei der Anamnese die Frage:

Was passiert nach Belastung?

Bin ich anschließend angenehm müde?

Oder werde ich Stunden später deutlich kränker und brauche Tage, um mich davon zu erholen?

Das sind zwei sehr unterschiedliche Geschichten.

Der Körper hat keinen Akku mit Prozentanzeige

Vielleicht liegt genau darin das Schwierige an Erschöpfung.

Wir hätten gerne einen Laborwert, auf dem steht:

Energie: 23 %. Bitte auffüllen.

So funktioniert der Mensch leider nicht.

Energie entsteht aus einem Zusammenspiel von Sauerstoffversorgung, Nährstoffen, Stoffwechsel, Mitochondrien, Hormonen, Schlaf, Immunaktivität, Nervensystem, Bewegung – und natürlich auch psychischer Belastung.

Manchmal findet man einen entscheidenden Faktor.

Manchmal fünf kleinere.

Und manchmal bleibt trotz umfangreicher Diagnostik vieles ungeklärt.

Deshalb würde ich bei Erschöpfung in dieser Reihenfolge denken:

Zuerst: Ist etwas behandlungsbedürftig krank?

Dann: Fehlt etwas? Eisen, andere relevante Nährstoffe, Schlaf, Erholung?

Danach: Was verbraucht Energie oder stört ihre Bereitstellung? Entzündung, Infektion, Darmprobleme, Medikamente, Schmerzen, hormonelle Veränderungen?

Und schließlich: Was hält das System möglicherweise aufrecht?

Denn bei länger bestehender Erschöpfung muss die Ursache, die alles begonnen hat, nicht zwingend identisch sein mit den Faktoren, die den Zustand heute noch unterhalten.

Nicht alles erklären müssen – aber genauer hinschauen

Erschöpfung ist eines dieser Symptome, bei denen zwei Fehler besonders leicht passieren.

Der erste lautet:

„Die Blutwerte sind normal. Da ist nichts.“

Der zweite:

„Das muss der Darm / die Nebenniere / die Mitochondrien / ein Vitaminmangel sein.“

Beides wird der Komplexität nicht gerecht.

Gute Medizin beginnt für mich deshalb nicht damit, möglichst schnell eine außergewöhnliche Erklärung zu finden.

Sie beginnt mit einer gründlichen Anamnese, einer vernünftigen schulmedizinischen Abklärung – und der Bereitschaft, danach weiterzudenken, wenn die einfache Antwort nicht reicht.

Denn Erschöpfung ist keine Diagnose.

Sie ist zunächst einmal eine Spur.

Und manchmal muss man mehrere davon verfolgen, bis das Bild langsam klarer wird.

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